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Tiefenhirnstimulation hilft bei primärer Dystonie

Kiel/Rostock - Die bilaterale hochfrequente Stimulierung des Globus pallidus internus mittels einer implantierten Elektrode kann bei Menschen mit primärer Dystonie die oft stark behindernden Bewegungsstörungen abschwächen. Dies belegt eine Studie deutscher Neurologen im New England Journal of Medicine (NEJM 2006; 355: 1978-1990). Eine Vergleichsgruppe, in der eine Scheinstimulierung durchgeführt wurde, bestätigt die Wirksamkeit der Methode.

In der Behandlung des Morbus Parkinson wurden mit der Tiefenhirnstimulation in den letzten Jahren wichtige Fortschritte gemacht. Daher lag es nahe, diese Methode auch bei verwandten Störungen anzuwenden, zu denen die primäre Dystonie gehört. Im letzten Jahr hatte die französische "Stimulation du Pallidum Interne dans la Dystonie (SPIDY)" Studiengruppe vielversprechende Ergebnisse publiziert (NEJM 2005; 352: 459-467). Diese Studie verfügte jedoch über keine Kontrollgruppe, weshalb Zweifel an der Wirksamkeit geblieben waren. Denn von Studien zur medikamentösen Therapie der Dystonie her ist ein erheblicher Placebo-Effekt bekannt, der das Vorgehen der Arbeitsgruppe um Reiner Benecke von der Neurologischen Klinik der Universität Rostock rechtfertigte.

Zwar wurde allen 40 Patienten mit primärer Dystonie – alle mit einer gegen Medikamente resistenten Form der Erkrankung – eine Elektrode bis in das innere Pallidumglied vorgeschoben, wo die Bewegungsstörung entsteht. Doch nur bei jedem zweiten Patienten wurde das Gerät, das hochfrequente Impulse abgibt, bei der spätern Programmierung auch eingeschaltet. Sofern sich das Wissen der Ärzte nicht unbewusst auf die Patienten übertragen hat, müsste eine Placebowirkung in der Studie ausgeschlossen sein. Um eine Voreingenommenheit der behandelnden Ärzte zu vermeiden, beurteilten zwei unabhängige Experten aus den USA und England die Therapieergebnisse anhand von Videoaufnahmen, die nach 3 Monaten angefertigt wurden.

Zwar kam es auch bei den scheinstimulierten Patienten zu einer Verbesserung der dystonen Bewegungen um 1,6 Punkte in der Burke-Fahn-Marsden Dystonia Rating Scale, welche die Bewegungsstörung bewertet. Doch bei den tiefenhirnstimulierten Patienten besserte sich dieser Score um 15,8 Punkte. Das ist eine signifikante Verbesserung, die alle Kennzeichen und Folgen der Erkrankung betraf. Bei der Dystonien waren es 46 Prozent, bei den Alltagsaktivitäten 41 Prozent und bei der Lebensqualität 31 Prozent.

Bei den Patienten handelt es keineswegs um Menschen, die wegen eines Schiefhalses oder anderer auf einzelne Muskeln begrenzter Bewegungsstörungen in Behandlung waren. Die meisten litten an einer generalisierten Dystonie, welche sie, ohne die geistigen Fähigkeiten zu beeinträchtigen, stark behinderte. Im Extremfall kann die Störung, von der in Deutschland rund 160.000 Menschen betroffen sind, sogar bis zur Bettlägerigkeit führen.

Einige Teilnehmer der Studie, die infolge der Erkrankung bettlägering oder an den Rollstuhl gebunden waren, konnte durch die Tiefenhirnstimulation eine Selbständigkeit und Unabhängigkeit von Pflegemaßnahmen wiederhergestellt werden, berichten die Mediziner.

Bleibende Nebenwirkungen traten durch die Operation nicht auf. Allerdings erforderten Wundheilungsstörungen oder technische Probleme bei etwa jedem fünften Patienten eine Nachbehandlung. Unter der Stimulation selbst war als einzige relevante Nebenwirkung eine leichte Verschlechterung der Sprache in 15 Prozent der Fälle zu beobachten, die jedoch meist durch Umstellung der Stimulationsparameter behoben werden konnte.

Die Studie wurde an neun deutschen Universitätskliniken unter Beteiligung von je einem Zentrum in Österreich und Norwegen durchgeführt. Der Verbund der deutschen Universitätskliniken wurde im Rahmen des Kompetenznetzwerkes Parkinson-Syndrom durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt. Das Kompetenznetz Parkinson sieht in der Studie einen Beweis für die Fähigkeit und Bereitschaft deutscher Wissenschaftler internationale Spitzenleistungen in einer fachübergreifenden Kooperation zu erzielen. Die Studie habe nur durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Neurologen und Neurochirurgen im multizentrischen Verbund erfolgreich abgeschlossen werden können. Die klinisch neurowissenschaftliche Forschung in Deutschland habe mit dieser innovativen Therapiestudie ihre Stellung in der internationalen Spitzengruppe bestätigt, so das Kompetenznetz Parkinson.

© rme/aerzteblatt.de

Links zum Thema:
Abstract der Studie im NEJM: http://content.nejm.org/cgi/content/short/355/19/1978
Pressemitteilung vom Kompetenznetz Parkinson: http://idw-online.de/pages/de/news183232
Beschreibung des Projekts: http://www.kompetenznetz-parkinson.de/Projekte/hirnstimulation.html

© Deutsches Ärzteblatt / Deutscher Ärzte-Verlag


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