Physiotherapeutische Behandlung
der Zervikalen Dystonie
Von Martina Blunck
In der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein) werden auch Patienten mit Zervikaler Dystonie behandelt. Dabei spielt die Physiotherapie eine wichtige Rolle.
Zunächst werden neben den üblichen Daten wie Krankheitsbeginn, Krankheitsverlauf und bisherige Behandlungsmaßnahmen (KG, Botulinum-Toxin, OP) auch Informationen aus dem täglichen Leben des Patienten, wie z. B. Beruf und Hobby, erfaßt, um sie bei der Behandlung berücksichtigen zu können. Hilfreich sind auch Angaben über das den Patienten am stärksten belastende Syndrom wie z. B. Schmerz, Kopf- bzw. Körperfehlhaltungen, unwillkürliche Bewegungen sowie die Auskunft über symptomverstärkende bzw. reduzierende Faktoren. So wird ein genaues Bild von der Gesamtstatik des Patienten erstellt.
Generell ist es wichtig zu überprüfen, ob der Patient in der Lage ist, seine Körpermittellinie zu spüren und einzunehmen. Ist dies nicht der Fall, wird es besonders wichtig, die Wahrnehmung für den eigenen Körper zu schulen und das Gefühl für die eigene Mitte wiederherzustellen. Die Muskulatur muß auf Verspannungen und Verkürzungen sowie Insuffizienzen und Überaktivität untersucht werden.
Bei der Betrachtung von Bewegungsabläufen ist es nicht ausreichend, nur die isolierte Kopfbewegung zu beachten, da es oft zu Ausweichbewegungen kommt, z. B. bei Bewegungen der Arme. Es gibt allerdings auch andere Bewegungen, die positiven oder negativen Einfluß auf die Kopfhaltung nehmen können.
Unentbehrlich für den Befund ist die Überprüfung von Gleichgewicht und Koordination. Hier bestehen oft ganz erhebliche Defizite, wenn sie auch bei flüchtigem Hinschauen zunächst kaum auffallen. Da es sehr häufig vorkommt, dass bei bestimmten Bewegungen oder einschießenden Muskelkrämpfen die Atmung angehalten wird was sich wiederum negativ auf die Beschwerden auswirkt kann eine gezielte Atemtherapie eine gute Hilfe sein, vor allem, wenn die Gesichtsmuskulatur mitbetroffen ist oder der Patient unter starkem Tremor leidet.
Aus Vorgeschichte und Befund wird ein Behandlungsplan erstellt, der auch die Vorstellungen des Patienten einbezieht. Die Patienten bekommen Einzelkrankengymnastik, die im Idealfall direkt an passive Wärmeanwendungen in der Physikalischen Therapie (z. B. Fango, Rotlicht, therapeutisches Bad) anschließen. Klassische Massage im Sinne von flächigen Ausstreichungen wird nicht angewandt, um die Muskulatur nicht zusätzlich zu reizen und eine unerwünschte muskuläre Überaktivität auszulösen.
Die krankengymnastische Behandlung umfaßt Übungen zur Haltungskorrektur und -schulung, Muskeldehnungen, lockerungen und -kräftigungen, Gleichgewichts- und Koordinationstraining, sowie Atemtechniken.
Die physiotherapeutische Behandlung von Zervikaler Dystonie muß nicht selten durch eine psychotherapeutische ergänzt werden. Denn fast jeder Patient kennt Situationen, die für ihn besonders belastend sind, und in denen sich deshalb die krankheitsbedingten Symptome verstärken. (...)
Martina Blunck ist Physiotherapeutin an der Psychosomatischen Klinik in Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein).
© Deutsche Dystonie Gesellschaft e. V. (1997)


